Arbeitsprobe Monika Herbst

Wie teuer ist mein Essen?

Ö - wir mögens öko, März/2017

Foto: Pixabay
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Clean Eating, vegan oder ketogen - kostet das viel? Wir haben nachgefragt und nachgerechnet

 

 Es gab eine Zeit, da fühlte sich Kristin Woltmann, 31, ausgebrannt. Die Marketing-Managerin jonglierte mit Terminen im Job, wuppte ein Fernstudium – und ihr Körper blieb auf der Strecke. Daraus hat sie vor fünf Jahren Konsequenzen gezogen und ihre Gesundheit auf der Prioritäten-Liste nach oben gesetzt. 

Mit „Clean Eating“ wollte sie sich etwas Gutes tun. Heute gibt es bei ihr kein Fastfood mehr zwischen Tür und Angel. Stattdessen steht sie an ihrem Mixer und füllt ihn mit dem, was der Obstkorb hergibt: Ananas, Birne, Apfel, Banane. Oben drauf kommt eine Handvoll grüner Salat und der Inhalt einer halben Avocado. Dazu: Chlorella-Pulver aus Grünalgen. Ein Superfood, das viel Blattgrün, Eisen und pflanzliches Eiweiß enthalten soll. Das Pulver riecht grasig. „Das ist Bio-Qualität und nicht in China aus dem Hafenbecken gefischt“, sagt Kristin Woltmann. Wenig später wabbert eine grünliche Flüssigkeit im Behälter. Der grüne Smoothie ist fertig. 

 

„Ich streite das nicht ab: Clean Eating kann teuer sein“ 

 

Clean Eating setzt auf frische und unverarbeitete Lebensmittel – frisches Obst und Gemüse statt Konserven, Pellkartoffeln statt Pommes und Vollkorn- statt Auszugsmehl. Statt Kuchen gibt es selbstgemachte Energieriegel aus Datteln, Hafer- und Kokosflocken, Amaranth und Honig. Etwa 450 Euro monatlich gibt Kristin Woltmann für Lebensmittel aus und sagt: „Ich streite das nicht ab: Clean Eating kann teuer sein.“ Dadurch, dass sie viel selbst kocht, spart sie aber auch: Für zwei Bleche selbst gemachte Pizza aus Vollkornteig zahlt sie zwölf Euro, für vier Tiefkühlpizzen vierzehn Euro. 

 

„Dafür konsumiere ich sonst fast nichts – aus Überzeugung“

 

Der Zürcher Simon Hirschhofer, 24, ernährt sich nach dem „Paleo“-Prinzip, der Ernährung der Altsteinzeit, als es nur Jäger und Sammler gab. Viele denken dabei automatisch an dreimal täglich Fleisch, Fisch und Eier. Tatsächlich isst der Biologie-Student – von einer Portion Fleisch oder Fisch am Tag abgesehen – vor allem Obst und Gemüse. Auf Eier, Käse und Milch verzichtet er komplett. Getreide und Zucker sind bei Paleo ebenfalls verboten. Seit drei Jahren isst Simon Hirschhofer so. Davor hatte er oft Bauchschmerzen, wenn er Getreideprodukte gegessen oder viel Milch getrunken hat. Die Diagnose seines Arztes: Reizdarm. Jetzt ist er nicht nur seine Beschwerden los, sondern fühlt sich auch deutlich fitter, wenn er täglich seine zehn Kilometer zur Uni radelt.

 

Simon Hirschhofer achtet darauf, dass er nur Fleisch von Tieren kauft, die gut gelebt haben. Geflügel holt er zum Beispiel vom Bauern auf dem Markt: „Da weiß ich, wie es auf dem Hof aussieht“, sagt er. Und: „Wenn ich das nicht bekomme, esse ich lieber nichts.“ Bei Fisch ist es ähnlich: Entweder kauft er Bio-Forellen direkt vom Züchter oder nachhaltig produzierten Fisch in einem Fachgeschäft, das nur von kleinen Betrieben beliefert wird. Er gibt für seine Ernährung 1.000 Franken im Monat aus – mehr als seine Kommilitonen. Berücksichtigt man die unterschiedliche Kaufkraft, entspricht das etwa 450 Euro. Aber das ist für ihn in Ordnung: „Es gibt nichts Wichtigeres, als in gutes Essen zu investieren und damit in die Gesundheit. Dafür konsumiere ich sonst fast nichts – aus Überzeugung.“ Das sagt er nicht nur so: Ein Smartphone besitzt er nicht. 

 

Wie ihm ist auch Claudia Renner, 34, das Tierwohl wichtig. Allerdings zieht sie daraus eine andere Konsequenz: Seit sie neun Jahre alt ist, isst sie kein Fleisch mehr. Vor sechs Jahren hat sie das Buch „Tiere essen“ von Jonathan Safran Foer gelesen und verzichtet seitdem auch auf Eier, Käse und Milch. „Ich möchte keiner Kuh ihr Kalb wegnehmen, um dessen Milch für mich zu haben“, sagt sie. Mit ihrer veganen Ernährungsform lebt sie deutlich günstiger als die beiden anderen: Für ihre Einkäufe im Bioladen gibt Claudia Renner im Monat etwa 260 Euro aus. Obwohl sie vegan lebt, könnte sie problemlos bei Paleo-Anhänger Simon Hirschhofer zum Essen vorbeikommen: Die beiden teilen ihre Vorliebe für Gemüsesuppe. 

 

Ketogene Ernährung heißt: Fett in Massen 

 

Christiane Wader, 34, ernährt sich ketogen. Keto-was? Ketogen ist eine extrem fetthaltige Ernährung. Wie beim klassischen Low-Carb werden die Kohlenhydrate eingeschränkt, darüber hinaus wird auch das Eiweiß reduziert. Christiane Wader nimmt 70 bis 75 Prozent ihres täglichen Kalorienbedarfs in Form von Fett zu sich. Sie streicht Butter auf den Parmesankäse und mischt Kokosöl, Sahne und Kakao zu Schokoladencreme. Sie hofft, damit ihre Krankheit in Schach zu halten. Vor sieben Jahren stellten die Ärzte bei ihr Brustkrebs fest. Es folgten Chemotherapie, Operation und Bestrahlung. Eineinhalb Jahre später arbeitete die Informatikerin wieder. Kurz darauf wurden aber Metastasen in der Leber diagnostiziert. Der Krebs hatte gestreut. Sie wurde ein weiteres Mal operiert, es folgte eine weitere Chemo. Seitdem ist sie frei von Metastasen, aber ihr Körper ist geschwächt. „Wenn ich krank werde, dann ist es dreimal so heftig wie bei Gesunden“, erzählt sie. Ihre Ernährung hat sie nach der zweiten Therapie umgestellt. Denn: Bei der ketogenen Ernährung stellt der Körper, ähnlich wie beim Fasten, von Zucker- auf Fettverbrennung um. Er erzeugt Ketogene, die entzündungshemmend wirken. Inzwischen isst Christiane Wader seit fünf Jahren ketogen – und wenn sie Pancakes aus Mascarpone, Kokosmehl und Ei macht, sind alle begeistert. Für ihre Ernährung gibt sie im Monat zwischen 420 und 440 Euro aus. 

 

450 Euro für Paleo und Clean Eating, bis zu 440 Euro für ketogen und 260 Euro für vegan – so viel kostet die vier Befragten ihre jeweilige Ernährungsform, die überwiegend auf Bio-Produkten basiert. Bleibt die Frage, welche Ernährungsformen eher teuer und welche eher preiswert sind. Auskunft darüber geben die Preise der einzelnen Lebensmittelgruppen: Am teuersten sind Nüsse mit einem Durchschnittspreis von 3,05 Euro pro 100 Gramm. Große Posten auf der Rechnung sind auch Fisch (2,66 Euro) und Fleisch (2,42 Euro) – tierische Produkte, die in Bio-Qualität einen angemessenen und dadurch höheren Preis haben. Nüsse, Fisch und Fleisch kommen bei Paleo, Clean Eating und Ketogen regelmäßig auf den Tisch und erklären die höheren Ausgaben. Obst und Gemüse gibt es dagegen schon für durchschnittlich 50 Cent. Was man beim Vergleich nicht vergessen darf: Bei Nüssen sowie fetthaltigem Fleisch und Fisch kommen viele Kalorien auf kleiner Menge zusammen. Das hält länger satt. Wer 100 Gramm Apfel isst, der bekommt schneller wieder Magenknurren als jemand, der 100 Gramm Lachs isst. Das relativiert den höheren Preis.

 

Unterm Strich ist die vegane Ernährung am günstigsten

 

Auf der Rechnung macht sich auch bemerkbar, dass bei Paleo und Ketogen die vergleichsweise preiswerten Getreideprodukte wie Brot oder Flocken (beides 40 Cent) und Nudeln (36 Cent) wegfallen. Unterm Strich ist die vegane Ernährung also am günstigsten. 

 

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