Monika Herbst

Freie Journalistin          

www.monika-herbst.de

 

Telefon: 0531/ 38 95 12 34

Mobil: 0151/61 41 33 49

                                          


Hier bin ich auch zu finden:


Jungborn: Licht, Luft und nackte Haut

Jungborn, Herrenpark

Der heimliche Blick durch den Holzzaun

Auf die Jugendlichen im Ort übte der Jungborn seinerzeit eine große Faszination aus. Sie sollen durch Ritzen und Astlöcher im zwei Meter hohen Holzzaun versucht haben, einen Blick auf die Gäste zu erhaschen. 

Harz, Birkenallee Richtung Stapelburg

Franz Kafka war Kurgast im Jungborn

Der Jungborn, eine Naturheilanstalt am Nordrand des Harzes, in Stapelburg, eröffnete 1896 und beherbergte zu ihrer Blütezeit, Ende der 1920er-Jahre, zeitgleich bis zu 250 Menschen. Zu den berühmten Kurgästen zählten der Schriftsteller Franz Kafka, die Puppenmacherin Käthe Kruse und der Schauspieler Hans Albers. 

Jungborn, Gelände

Endgültiges Aus durch Bau der innerdeutschen Grenze

Der Jungborn ist heute Geschichte. Die Heilstätte wurde im zweiten Weltkrieg als Tuberkulose-Krankenhaus genutzt, nach dem Krieg zeitweise als Seniorenheim. Das Problem:  Das Gelände lag direkt an der Demarkationslinie, die innerdeutsche Grenze verlief am Fluss Ecker entlang. Als die DDR-Regierung Anfang der 1960er-Jahre die Grenzanlagen baute, wurden die Gebäude der Naturheilanstalt abgerissen - der Jungborn geriet in Vergessenheit. 

Einem umtriebigen Förderverein ist es zu verdanken, dass man heute wieder auf Spuren der geschichtsträchtigen Heilstätte trifft: Auf dem wunderschönen Gelände - 10 Hektar am Eingang des Eckertals - gibt es ausführliche Informationstafeln mit vielen Bildern sowie zwei nachgebaute Lichtlufthäuschen, die Wanderer für ein Picknick nutzen können. Ein Besuch dort lohnt sich unbedingt: wegen der Ruhe, der wind- und wettergeschützten Lage und dem tollen Blick auf die umliegenden Berge. 

Jungborn, Lichtlufthütte

Lichtluftbäder: Die Kurgäste nackt im Freien

Axel Jordan, einer der Gründer des Fördervereins, kennt den Jungborn noch von den Erzählungen seiner Großmutter, die dort als Kindermädchen und Hauswirtschafterin gearbeitet hat. Sie hat vegetarische Kochbücher mit nach Hause gebracht - im Jungborn wurde fleischlos gegessen. Die Ernährung basierte hauptsächlich auf Nüssen, Früchten, Milch, Milchprodukten und Brot aus Weizenschrot und war ein Vorläufer der späteren Rohkostbewegung.

Was die Jugendlichen so spannend fanden - und wovon die katholische Großmutter des Vereinsgründers nichts erzählte - war das Lichtluftbaden. So nannte sich eine Heilmethode, die im Jungborn angewandt wurde und die auf Licht, Sonne und Luft setzte. Die Kurgäste sollten sich bis zu drei Stunden am Tag nackt im Freien aufhalten. Sie spielten zum Beispiel Ball oder machten Gymnastik. Für diese Lichtluftbäder gab es je einen abgegrenzten Park für Herren, Damen und Familien, die alle mit einem Holzzaun als Sichtschutz umgeben waren. 

Jungborn, Harz, Lichtlufthütte von Innen, Tisch, Stühle

Spott der Zeitgenossen

Im Jungborn sollten Kranke geheilt werden, Gesunde sich erholen. Der Gründer der Heilstätte, Adolf Just, litt selbst an einem Nervenleiden. Die Mediziner konnten ihm nicht helfen, er versprach sich von der Naturheilkunde Linderung. Er beschäftigte sich theoretisch und praktisch damit und machte zum Beispiel Prießnitz'sche Ganzpackungen, bei dem man ein feuchtes Leintuch eng um den Körper legt und sich mit einer Decke warm zudeckt. Bevor er den Jungborn eröffnete, lebte er zwei Jahre lang alleine in einer Hütte in einem Waldstück in Braunschweig - und zog sich den Spott seiner Zeitgenossen zu, wenn er dort selbst bei Minusgraden zeitweise nackt rumlief. 

Umstrittene Lehmumschläge auf offene Wunden

Seine Beschwerden sollen durch die Anwendungen gelindert, aber nicht geheilt worden sein. Eine der von ihm entwickelten Heilmethoden war das naturgemäße Bad, bei dem eine Wanne aus Zink oder Holz nur mit 8cm Wasser gefüllt wurde. Nach dem Bad sollte man sich massieren, statt abtrocknen, um die Durchblutung anzuregen und die Widerstandskraft zu stärken. Zur Hautreinigung empfahl er Erd- und Lehmbäder, Hauterkrankungen und Schmerzen behandelte er mit feuchten Lehmumschlägen. Die legte er auch auf offene Wunden - ungeachtet der bestehenden Tetanus-Gefahr, die er damals einfach als verkehrte Anschauung abtat. 

Naturheilkunde bei Erschöpfung nach wie vor gängig

Das Bedürfnis nach Natur war groß, Ende des 19./ Anfang des 20. Jahrhunderts. Es war die Zeit der Industrialisierung. Die Menschen zogen in der Stadt und lebten dort oft in engen, düsteren Wohnvierteln. Erschöpfungszustände - damals Neurasthenie genannt - traten häufig auf und wurden oft mit naturheilkundlichen Therapien behandelt. Wie Andrea Schrickel in ihrer Dissertation* erklärt, sind solche naturheilkundlichen Anwendungen bis heute gängig, zum Beispiel bei Erschöpfung oder depressiver Verstimmung.

Historische Fotos der Naturheilanstalt Jungborn

Jungborn, Harz, 1936
Foto: Förderverein Jungborn Harz
Jungborn, Harz, Lichtlufthütte
Foto: Förderverein Jungborn Harz

Weitere Informationen:

  • Förderverein Jungborn Harz e.V.: www.jungborn-harz.eu
  • *Adolf Just. Ein bedeutender Vertreter der Naturheilkunde, von Andrea Schrickel, 2011, Dissertation an der Medizinischen Fakultät der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg (neu aufgelegt 2016 von der Heilerde-Gesellschaft Luvos Just)

Wandern

Am Jungborn führt der Harzer Grenzweg entlang, der - je nach gewähltem Abschnitt - auf 75 bis 100 Kilometern im Norden beginnend durch den Harz zum Grenzlandmuseum Tettenborn/ Bad Sachsa im Süden verläuft - leider oftmals auf den zum Wandern unattraktiven Betonplatten des Kolonnenwegs. Am Jungborn selbst gibt es einen Sonderstempel der Harzer Wandernadel.

Das könnte für dich interessant sein:

Hotel Zehnpfund, Thale
Hotel Zehnpfund in Thale- einst Sommerziel Fontanes
Sonnenaufgang auf dem Brocken
Sonnenaufgang auf dem Brocken

Wer schreibt hier?

Mein Name ist Monika Herbst. Ich bin Journalistin, lebe in Braunschweig und verbringe meine Freizeit so oft es geht im Harz - mit Familienausflügen, Wanderungen, Mountainbiken und gutem Essen. Wo es im Harz am schönsten ist, könnt ihr in meinem Blog lesen. Mehr dazu:

Harzlust - die Idee hinter dem Blog.


Teilen:

Kommentar schreiben

Kommentare: 2
  • #1

    mano (Montag, 17 Oktober 2016 11:08)

    schön, bei dir über das wirklich wunderschöne jungborngelände zu lesen! wir waren bei unserem besuch im mai auch sehr fasziniert von der geschichte dieser einrichtung. danke für die zusätzlichen infos!
    mein blogbeitrag zum jungborn:
    http://manoswelt.blogspot.de/2016/05/wellness-um-1900-lost-places.html
    lieben gruß von mano

  • #2

    Monika (Montag, 17 Oktober 2016 11:37)

    Liebe Mano,
    deinen spannenden Beitrag über das Jungborn-Gelände musste ich natürlich gleich lesen. Toll, was du in der Gegend noch alles entdeckt hast... Dein Blog gefällt mir übrigens richtig gut.
    Schöne Grüße, Monika

    PS: Klasse auch dein Link zu http://willizblog.de/?p=5706. Mit den Nackten hatte es Kafka offensichtlich nicht so, wie man den dort wiedergegebenen Eintragungen in seinem Tagebuch entnehmen kann:

    „Hie und da bekomme ich leichte oberflächliche Übelkeiten, wenn ich, meistens allerdings in einiger Entfernung, diese gänzlich Nackten langsam zwischen den Bäumen sich vorbeibewegen sehe. Ihr Laufen macht es nicht besser. – Jetzt ist an meiner Tür ein ganz fremder Nackter stehen geblieben und hat mich langsam und freundlich gefragt, ob ich hier in meinem Hause wohne, woran doch kein Zweifel ist. – sie kommen auch unhörbar heran. Plötzlich steht einer da, man weiß nicht, woher er gekommen ist. – Auch alte Herren, die nackt über Heuhaufen springen, gefallen mir nicht. Abends Spaziergang nach Stapelburg. Mit zweien, die ich einander vorgestellt und empfohlen habe. Ruine. Rückkehr 10 Uhr. Zwischen den Heuhaufen auf der Wiese vor meiner Hütte einige schleichende Nackte, die in der Ferne vergehen. In der Nacht, als ich durch die Wiesen nach dem Kloset wandere, schlafen drei im Gras.“ (11. Juli 1912).