Monika Herbst

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"Vergessen im Harz II" - eine berührende Dokumentation

Foto: Overlight-Filmproduktion
Foto: Overlight-Filmproduktion

Das verbarrikadierte Gebäude - ein trauriger Anblick

Als wir vergangenen Herbst vor dem Hotel Zehnpfund in Thale standen, war die Tür mit Brettern vernagelt. Wir hätten gerne einen Blick in das Gebäude geworfen, das 1863 eröffnete und in dem schon Theodor Fontane genächtigt hatte. Aber da war nichts zu machen. Das imposante und geschichtsträchtige Gebäude ungenutzt und verbarrikadiert, das war ein trauriger Anblick. Ganz anders am vorletzten Sonntag im Mai...

Der Kontrast: Endlich wieder Leben im Hotel Zehnpfund

An dem Tag wurde die Dokumentation "Vergessen im Harz II" im schicken Saal im Hotel Zehnpfund gezeigt: Es ist warm. Vor dem Hoteleingang stehen viele Menschen, überwiegend  jüngere Leute. Sie sind ins Gespräch vertieft, viele haben sich an der Bar, die im Gebäude aufgebaut ist, etwas zu trinken geholt. Und unweigerlich denkt man: Endlich ist wieder Leben in diesem Haus, in dem so lange kein Leben mehr war. Vielleicht ziehen hier tatsächlich bald wieder Menschen ein: Draußen an der Fassade hängt ein Plakat, das für den Kauf von Eigentumswohnungen im ehemaligen Hotel Zehnpfund wirbt. 

Hohe Decken, Kronleuchter, Säulen und Stuck

Drinnen empfängt die Besucher angenehme Kühle. Es ist duster. Kerzen sorgen für mildes Licht. Viele Flure und Räume sind mit Absperrband abgetrennt. Zwischen den alten Säulen ist die Bar aufgebaut. Einige Gäste haben sich richtig schick gemacht, Frauen mit Kleid und hochhackigen Schuhen, wie für einen Theaterbesuch. Der Saal, in dem der Film gezeigt wird, steht einem Theater in nichts nach: Hohe Decken, Kronleuchter, Säulen und Stuck. Nur wenn man genauer hinschaut, bemerkt man die Stellen an der Decke, an denen die Farbe abblättert. Tatsächlich ist der Saal im Wesentlichen noch so erhalten, wie er damals, vor über 150 Jahren gebaut worden war. 

Menschen und ihre Schicksale

In der Dokumentation geht es um Lost Places, um verlassende Orte. Vor allem Fotografen halten oft den morbiden Charme dieser alten Gebäude fest, die Ästhetik des Verfalls. Das Filmteam um Enno Seifried hatte andere Prioritäten, das wird bei den ersten Lost Places klar, die sie in der Dokumentation zeigen: dem Campingplatz Wolfstein in Bad Harzburg, dessen Betreiber 2011 Konkurs anmelden musste, und dem Kurhotel Rögener in Braunlage, das seit einem Brand 2009 leer steht. Hier geht es nicht um lange Vergangenes oder um alte Architektur, die sich die Natur langsam zurückerobert. Das Campingplatz-Beispiel zeigt: Es geht um die Menschen. Es geht um Freundschaften, um Schicksale und um Orte, die sich wie Heimat anfühlen. Eine Frau wischt sich die Tränen aus den Augen, als sie von dem Tag erzählt, an dem ihnen gesagt wurde, dass sie den Campingplatz räumen müssten. Es kam anders: Die Dauercamper vom Wolfstein haben sich zusammengetan und einen Verein gegründet, um ihren Platz und ihre Gemeinschaft am Leben zu halten. 

Klaus Kleinau, Napola-Eliteschüler
Foto: Overlight-Filmproduktion

Erfahrungen eines NS-Elite-Schülers

Auch die Augen von Klaus Kleinau glänzen feucht, als er von seinem Leben erzählt. Er ist ehemaliger Elite-Schüler der Napola in Ballenstedt. In den Napolas, den Nationalpolitischen Erziehungsanstalten, bildeten die Nazis ihren Führungsnachwuchs aus. Klaus Kleinau war 17, als er 1944 in den Krieg geschickt wurde. Er wurde gefangen genommen und erzählt von dem amerikanischen Soldaten, der ihm im Panzer die Fotos seiner Familie zeigte. Und von dem jüdischen Vernehmungsoffizier, der ihm die Pistole in den Nacken hielt und ihn dann doch weiterleben lies.  

Napola Ballenstedt von außen
Foto: Overlight-Filmproduktion

Der Anruf, vor dem er Angst hatte

Klaus Kleinau veröffentlichte 1999 das Buch "Im Gleichschritt, marsch!", in dem er von seiner Zeit in der Napola berichtet und davon, wie schwierig es für ihn war, sich nach Kriegsende von der nationalsozialistischen Prägung zu lösen und sich klar zu machen, dass es sich um einen verbrecherischen Staat gehandelt hatte. Nach der Veröffentlichung des Buches rief ihn die Tochter des ehemaligen Anstaltsleiters an. Dieselbe Tochter, die er als Schüler der Napola im Kinderwagen spazieren gefahren hatte. Er schluckt, als er davon erzählt. Er hatte Angst vor ihrer Reaktion und er war erleichtert, als sie sagte: "Was Sie geschrieben haben, stimmt genau". 

Napola Ballenstedt
Foto: Overlight-Filmproduktion

Die alten Nazi-Kameraden...

Das sah nicht jeder so. Es gab auch einen ehemaligen Oberst, der ihn nach der Veröffentlichung als Vaterlandsverräter beschimpfte. Kleinau erzählt von der Einladung der Alt-Kameraden, die er im Jahr 2000 bekommen hatte: Da sei so viel Begeisterung dabei gewesen, da habe nur noch das "Heil Hitler" gefehlt. Er hatte dem Absender einen geharnischten Brief zurückgeschrieben. 

Napola Ballenstedt
Foto: Overlight-Filmproduktion
Napola Ballenstedt
Foto: Overlight-Filmproduktion

"Ab und zu soll's auch für uns rote Rosen regnen"

Es sind die ganz starken Momente des Films, wenn Menschen wie Klaus Kleinau oder Irmgard Hellerling aus ihrem Leben erzählen. Irmgard Hellerling hatte viele Jahre im ehemaligen Hotel Heinrich-Heinel in Schierke gearbeitet. Sie lacht viel, während sie erzählt. Es sind positive Erinnerungen an aufregende Zeiten. Und man bekommt das Gefühl, dass sie auch ihren Spaß hatte, wenn sie von den "illustren Gästen" erzählt, die sich im "Dachsbau", der Hotel-Bar mit Golddekor und verzierten Säulen, amüsiert hatten. In "Vergessen im Harz II" wird die Vergangenheit gefeiert, statt ihr hinterher zu trauern. "Ab und zu soll's auch für uns rote Rosen regnen..." heißt es in dem Frühlingsgedicht, das die gut gelaunte alte Dame am Ende des Films vorträgt und das die Besucher mit einem Lächeln im Gesicht nach Hause gehen lässt. 

Irmgard Hellerling
Foto: Overlight-Filmproduktion

Fazit: 

Den Filmemachern von "Vergessen im Harz II" ist eine spannende und berührende Dokumentation gelungen, mit wichtigen Zeitzeugen und starken Emotionen. 

Vergessen im Harz II - die DVD

Die DVD "Vergessen im Harz II" kann man hier bestellen: http://www.lostplace-dokfilm.de/dvd-shop/)

Interview mit dem Filmemacher

"Mensch Gerhard, das will niemand sehen!" - Filmemacher Enno Seifried im Interview. 

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Wer schreibt hier?

Mein Name ist Monika Herbst. Ich bin Journalistin, lebe in Braunschweig und verbringe meine Freizeit so oft es geht im Harz - mit Familienausflügen, Wanderungen, Mountainbiken und gutem Essen. Wo es im Harz am schönsten ist, könnt ihr in meinem Blog lesen. Mehr dazu:

Harzlust - die Idee hinter dem Blog.


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