Hotel Zehnpfund in Thale: Einst Sommerziel von Theodor Fontane

Hotel Zehnpfund Thale Saal
Foto: Overlight-Film

Treffpunkt der vornehmen Gesellschaft

Die Location passt perfekt: Im ehemaligen Hotel Zehnpfund in Thale kann man demnächst einen Dokumentarfilm über verlassene Orte im Harz sehen. Wo, wenn nicht hier? Das Hotel, das 1863 eröffnet wurde, wird seit 13 Jahren nicht mehr genutzt. Es ist ein verlassener Ort. Das war nicht immer so: Lange Jahre war es ein beliebtes Sommerziel der vornehmen Gesellschaft. Unter den Gästen war auch der Schriftsteller Theodor Fontane, der sich insgesamt vier Mal im Hotel Zehnpfund aufhielt und es sogar zum Schauplatz seines Romans Cécile machte. 

Säulen, Stuck und Kronleuchter

Noch heute fasziniert das Gebäude Menschen wie den Leipziger Dokumentarfilmer Enno Seifried: "Mich hat das Hotel Zehnpfund besonders beeindruckt, weil es so edel aussieht -  mit den vielen Säulen, dem Stuck und den Kronleuchtern", sagt er. Hier soll die Premiere  seines Dokumentarfilms "Vergessen im Harz II" stattfinden. 

Hotel Zehnpfund Thale
Foto: Overlight-Film

Größtes Sommerhotel in Deutschland

Vor seiner Schließung im Jahr 2003 wurde das ehemalige Hotel jahrzehntelang als Rathaus genutzt. Wegen der schlechten Wärmedämmung war es schwierig, die Räume im Winter warm zu bekommen. Darüber hatte man sich beim Bau offensichtlich keine Gedanken gemacht, es wurde ja auch ausschließlich als Sommerhotel genutzt. Da Thale ziemlich tief liegt, unter 200 Meter über dem Meeresspiegel, gab es wenig Schnee und der Ort war als Wintersportziel nicht interessant. Als Sommerziel dafür umso mehr: "Das Hotel Zehnpfund hatte 150 Zimmer und Suiten und war bei der Eröffnung das größte Sommerhotel in Deutschland", erzählt der Pensionär Harald Watzek, der sich ausgiebig mit der Geschichte des Hotels beschäftigt hat.

Die Kellner sprachen Englisch und Französisch

In der Anzeige eines Reiseführers von 1907 wirbt das Hotel Zehnpfund als "Haus allerersten Ranges". Watzek weiß es genauer: Zu Fontanes Zeiten machten ausschließlich Besserverdienende dort Urlaub: Militärs, Bankiers, Geschäftsleute und der niedere Adel. Viele Gäste kamen aus Berlin, Sachsen und Hamburg, aber es gab auch welche aus dem Ausland. Die Kellner sprachen Englisch und Französisch. 

Hotel Zehnpfund Thale Treppe
Foto: Overlight-Film

Die besondere Aussicht vom Hotel-Balkon

Ausgiebig beschrieb Fontane in Cécile den Balkon des Hotel Zehnpfund und die Aussicht von dort: Er schwärmte von der "Bergwand samt ihrer phantastischen Zacken" und von der vor dem Hotel gelegenen Parkwiese, dem saftigen Grün und der "Menge der Bäume, die gruppenweis, von ersichtlich geschickter Hand, in dies Grün hineingestellt waren." Er beschrieb die Glaswand, die den Balkon schützte, die rot-weiß gemusterten Tischdecken, die im Wind wehten und das große und prächtige Fliederbouquet auf einem der Tische.

Klimatischer Kurort mit Fabrikrauch

Aber auch bei Fontane klingt schon mehrfach an, dass es ein Problem gab: die Rauchsäulen der benachbarten Fabrik. In einer Unterhaltung zweier Berliner, die auf dem Balkon des Hotel Zehnpfund sitzen, lässt Fontane den einen sagen: "In den Zeitungen heißt es in einer allwöchentlich wiederkehrenden Annonce: 'Thale, klimatischer Kurort'. Und nun diese Schornsteine! Na, meinetwegen; Rauch konserviert, und wenn wir hier vierzehn Tage lang im Schmok hängen, so kommen wir als Dauerschinken wieder heraus."

Stahl und Blech aus der Eisenhütte

Die Sommergäste wollten sich an der frischen Luft erholen. Doch in Thale gab es schon damals eine Hütte. Im Eisenhüttenwerk haben schon vor dem ersten Weltkrieg 4000 Beschäftigte gearbeitet und dort unter anderem Stahl und Bleche aus Erzen aus der Umgebung hergestellt. Die Produktion ging einher mit Krach, Luft- und Wasserverschmutzung. Das war auf Dauer nicht mit einem Kurort kompatibel und bedeutete noch vor dem ersten Weltkrieg das Aus für den Hotelbetrieb.

 

Hotel Zehnpfund Thale Außenansicht
Foto: Overlight-Film

Vergessen im Harz - der Dokumentarfilm

Der Dokumentarfilm "Vergessen im Harz II" wird zwischen 20. und 22. Mai 2016 im Hotel Zehnpfund in Thale vorgeführt. Er spürt verlassene Orte auf und die Geschichten der Menschen dahinter. Leerstehende Hotels, Sanatorien, Heime und Betriebe werden gezeigt, Zeitzeugen und Historiker kommen zu Wort. (Mehr über den ersten Teil unter: "Beeindruckende Bilder, traurige Geschichten: Vergessen im Harz")

 

Beide Folgen von "Vergessen im Harz" kann man auch als DVD bestellen, unter http://www.lostplace-dokfilm.de/dvd-shop/

Anfragen Hotel Zehnpfund

Zuständig ist die Stadt Thale. Das Bürgerbüro ist zu erreichen unter Telefon: 03947/ 4700.

 

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Wer schreibt hier?

Mein Name ist Monika Herbst. Ich bin Journalistin, lebe in Braunschweig und verbringe meine Freizeit so oft es geht im Harz - mit Familienausflügen, Wanderungen, Mountainbiken und gutem Essen. Wo es im Harz am schönsten ist, könnt ihr in meinem Blog lesen. Mehr dazu:

Harzlust - die Idee hinter dem Blog.


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