Beeindruckende Bilder, traurige Geschichten: "Vergessen im Harz"

Vergessen im Harz: Foto eines alten überwucherten Bunkers
Foto: Overlight-Filmproduktion

Runtergerissene Tapeten, abblätternde Farbe, kaputte Fensterscheiben. Dazwischen: eine aufgeschlagene Bettdecke, ein Kuscheltier und ein alter PC. Die Macher des Dokumentarfilms "Vergessen im Harz" haben sich auf die Suche nach leerstehenden Gebäuden im Harz gemacht, nach alten Sanatorien, Krankenhäusern und Hotels, und nach den Menschen, die noch etwas über die Geschichten dieser verlassenen Gebäude erzählen können.

Verlassene Sanatorien und giftige Rüstungsaltlasten

Traurig sitzt das ältere Ehepaar am Kaffeetisch im Wohnzimmer. Die Frau erzählt aus der Zeit, als es im thüringischen Sülzhayn noch Leben gab, Ende der 50er-Jahr, mit drei Tanzabenden pro Woche, vielen Cafés und Arbeit. Seit der vorigen Jahrhundertwende hatte sich Sülzhayn zu einem blühenden und angesehenen Kurort entwickelt. Von den vielen Sanatorien ist heute nur noch eines übrig, alle anderen sind geschlossen. Der Ort schrumpft. Zurück bleiben die Alten - und ihre Erinnerungen an bessere Zeiten. 

Vergessen im Harz: Ein Raum mit abgerissener Tapete, abblätterndem Putz, einem grünen Sessel, eine Kommode mit offenen Schubladen und einem alten, geblümten Lampenschirm
Foto: Overlight-Filmproduktion

Zu den "Lost Places", den verlassenen Orten, die im Film gezeigt werden, gehört auch eine Sprengstoff- und Munitionsfabrik bei Clausthal-Zellerfeld/ Niedersachsen. Sie wurde während des Nationalsozialismus als drittgrößte Munitionsfabrik Deutschlands betrieben. Die Dächer waren zur Tarnung mit Bäumen bepflanzt worden. Geblieben sind davon nicht nur Ruinen, sondern auch hochgiftige Rüstungsaltlasten, um dessen fachgerechte Entsorgung sich bis heute niemand kümmert. 

 

Dann ein Abstecher ins niedersächsische Altenau, in ein Fachwerkhaus von 1673, in dem schon Goethe übernachtet hat. Die Eigentümer melden sich nicht, das Haus zerfällt. 

Vergessen im Harz: Altes Haus im Harz, Treppenhaus mit Geländer, Bank, Blick in einen langen Flur
Foto: Overlight-Filmproduktion

Erst schlossen die Sanatorien, dann die Hotels

Die Zuschauer hören Geschichten über Investoren, die viel versprechen - und dann doch nichts machen. Sie sehen leerstehende Gebäuden, um die sich niemand kümmert. Und erfahren von plötzlichen Bränden, die das zerstören, was noch übrig geblieben war. Betroffen sind im Harz Gebäude im westlichen Niedersachsen genauso wie im östlichen Sachsen-Anhalt und Thüringen. Regisseur Enno Seifried erklärt in einem Telefonat, dass durch den Rückgang des Kurwesens in ganz Deutschland viele Häuser schließen mussten. Manche seien umgenutzt worden, beispielsweise in Altenpflegeheime. Da es im Osten mehr veraltete Einrichtung gab, wurde dort noch mehr dicht gemacht: "Erst schlossen die Sanatorien und Krankenhäuser, dann blieben die Gäste weg und in der Folge mussten auch Hotels und Pensionen schließen", sagt Seifried.

 

Viel Resignation und Mutlosigkeit steckt in den Geschichten, die in dem Film erzählt werden. Aber es gibt auch einige wenige Lichtblicke. Lustige Erinnerungen, wie die an die ehemalige Lungenheilstätte Albrechtshaus im Selketal unterhalb von Stiege in Sachsen-Anhalt, ein Gebäude von 1897. Ein Dorfbewohner erzählt, wie er als Kind heimlich dort war - eigentlich war das verboten, denn die Tuberkulose-Kranken waren ansteckend. Trotzdem ist er mit einem Patienten aus Indien losgezogen, der im Harz seinen ersten Schnee erlebt hat. Und hat sich heimlich mit in den Saal geschlichen, wenn für die Patienten Filme gezeigt wurden.  

Vergessen im Harz: Foto aus einer verlassenen Fabrik mit Werkbank
Foto: Overlight-Filmproduktion

Was bleibt? Betroffenheit und viele Fragen

Nicht alles ist sinnlos. Das Gebäude der ehemaligen Heilanstalt für Tuberkulose auf dem Königsberg in Goslar zum Beispiel, 1895 gebaut, steht zwar leer, wird aber heute von der Rettungshundestaffel genutzt. Die Tiere können in dem baufälligen Gebäude unter realen Bedingungen ausgebildet werden. 

 

Dennoch: Als Zuschauer bleibt man nach den 95 Film-Minuten ziemlich betroffen zurück. Und mit vielen Fragen: Musste das alles so kommen? Hätte es Alternativen gegeben? Wie geht es weiter? Gibt es auch Beispiele, die Mut machen? Gebäude, die saniert werden konnten? 

 

Was fehlt, ist eine Einordnung. Eine Erklärung der Zusammenhänge. Die Ausgangslage ist komplex. Das hat der Film deutlich gemacht - anhand zahlreicher Beispiele, beeindruckender Bilder und berührender Aussagen von Zeitzeugen. Der Film sorgt dafür, dass die Gebäude zwar verlassen sind - aber nicht vergessen. Das ist ein Anfang.  

Weitere Informationen: 

Den Dokumentarfilm "Vergessen im Harz" kann man für 20 Euro als DVD bestellen unter: www.lostplace-dokfilm.de. Weitere Infos über das Projekt und das Team um Regisseur Enno Seifried gibt es hier: www.vergessenimharz.de.

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Kommentare: 5
  • #1

    Wolfgang Schilling (Freitag, 19 Juni 2015 19:46)

    Schöner Beitrag mit einigen kritischen Anmerkungen zum Projekt, die mir bei den eigentlichen Machern bisher in der Euphorie einen solchen Film für den harz produziert zu haben, leider fehlten. Es fehlten mir Warnhinweise für Nachahmer vorsichtig zu sein, rechtliche Grauzonen zu beachten und auch wohl ein paar Schlaglichter auf die schöne(re) Seite des Harzes. All dies hätte das Projekt abgerundet, die ziemlich gleichbleibende Düsternis durchbrochen und nicht nur melancholische Rückblicke auf bessere Zeiten geboten. Ich habe dies in meinen Beiträgen für die MZ und die NWZ versucht darzulegen. Schön, dass es auch jemand anders gemerkt hat. Hoffen wir, dass der angekündigte Teil 2 diese Mankos nicht beinhaltet. Die Ruinengängerszene wird natürlich begeistert sein, ich hatte aber vielleicht auch zuviel erwartet. Es wäre mir zu simpel nur zu meckern und zu kritisieren. Dass es auch anders geht, haben wir mit einem 17-köpfigen Autorenteam 2013 gezeigt, als wir dem einstigen größten Eisenerzbergwerk des Harzes der "Grube Büchenberg" ein umfassendes Buch gewidmet haben. Die Resonanz war beeindruckend. Glück auf! Wolfgang Schilling

  • #2

    Monika Herbst (Samstag, 20 Juni 2015 00:04)

    Ich finde, es ist gerade die Stärke des Films, auch die Geschichten hinter den vergessenen Orten zu erzählen und die Betroffenen zu Wort kommen zu lassen. Klar, das macht den Film zuweilen zu harter Kost. Die Macher gehen damit aber weit über die reine Ästhetik der Gebäude hinaus, wie sie auf Lost-Places-Fotos gezeigt wird... Das ist mutig - und wichtig.

  • #3

    hans wiele (Sonntag, 21 Juni 2015 16:41)

    als 86 jähriger aus dem schönen harz stamment und nach 1989 auch den harz von nord
    nach süd und von ost nach west durchwandert lauft einem der kalter schauer über den Rücken
    wenn man das sehen muss was alles verkommt.Bis1989 erhalten und mit wenigen mitteln
    erhalten und auch aufgebaut, wenn ich an die schönen für uns billigen fdgb erholungsheimdenke müsste man weinen.Denke an das Sanatorium Albrechtshof eine ehem.
    lungenheistätte was heute eine ruine ist.Gut das dies heute gezeigt wird .

  • #4

    den (Sonntag, 10 Januar 2016 02:39)

    Eine Liste von weiteren interessanten Lost Places in Niedersachsen (Hannover, Celle, Gifhorn, Braunschweig, Wolfsburg,…) findet sich hier: http://blog1.dh-digital-arts.com/2015/01/06/lost-place-liste-niedersachsen-sachsen-anhalt-nordrhein-westfalen/

  • #5

    Monika (Freitag, 08 April 2016 16:20)

    Wichtig für alle Fans von "Vergessen im Harz": Es gibt eine Fortsetzung! Teil II von "Vergessen im Harz" wird im ehemaligen Hotel Zehnpfund in Thale vorgeführt, am 20., 21. und 22. Mai 2016. Mehr Infos dazu:

    http://www.visionbakery.com/VergessenImHarz2
    http://www.lostplace-dokfilm.de